Bonaire erreicht man über Aruba. Der Flug ist lang, dann unterbricht ihn eine Zwischenlandung, bei der man das Flugzeug kurz verlässt, wieder einsteigt, noch einmal startet und schließlich am Abend auf einer Insel landet, die einem vom ersten Moment an klarmacht, dass Eile eine überschätzte Kategorie ist.

Bonaire gehört zu den ABC-Inseln, liegt vor der Küste Venezuelas und ist politisch mit den Niederlanden verbunden. Schon darin steckt eine gewisse Komik: karibische Gelassenheit unter niederländischer Verwaltung. Die Insel selbst wirkt trocken, licht, salzhell, vom Wind geformt und vom Meer bestimmt. Sie setzt auf Stein, Licht, Wasser und auf eine Küste, die aussieht, als hätte jemand alles Überflüssige höflich beiseitegeräumt.

Dann beginnt jener Teil der Reise, der Bonaire seinen Ruf eingetragen hat. Ein Auto steht bereit, die Ausrüstung wandert hinein, und plötzlich scheint der Urlaub sich selbst zu organisieren. An der Tauchbasis tauscht man Flaschen im Drive-through, beim Herausfahren gibt es ein frisches Handtuch, und an der Straße markieren gelbe Steine die Einstiege ins Meer. Man fährt los, hält an, zieht die Flossen an und geht ins Wasser. In Mitteleuropa würde aus diesem System ein Verwaltungsakt entstehen, auf Bonaire ist es einfach Alltag.

Sogar die Nummernschilder scheinen auf dieser Insel eine Pointe begriffen zu haben. In manchen Ländern steht dort ein Motto, das klingt, als habe eine Tourismusbehörde einen besonders inspirierten Nachmittag gehabt. Auf Bonaire lautet es: „Divers Paradise“. Selten hat ein Stück Blech so wenig übertrieben.

Zum Straßenverkehr gehört auf Bonaire allerdings noch eine weitere Instanz: der Esel. Er steht am Rand, mitten in der Stadt oder einfach quer auf der Landstraße, stoppt mit stiller Autorität die Autos und holt sich ein wenig Verpflegung, ein paar Streicheleinheiten und gelegentlich einen touristischen Fototermin ab. Danach gibt er die Fahrbahn wieder frei. Eine Win-win-Situation mit langen Ohren. Das Schönste daran ist, dass die Insel von dieser Praxis weiß. Es gibt tatsächlich ein Verkehrsschild, das genau solche Begegnungen ankündigt.

Ich war mit Felix dort, mit Regine und Lena, und schon am ersten Morgen bekam diese Reise ihren Ton. Frühstück auf der Terrasse, ein frisches Omelett, Kaffee mit Blick aufs Meer. Dann ziehen Delfine vorbei, als gehörten sie zum Hotelservice. Kurz darauf stürzen Vögel mit erstaunlicher Zielstrebigkeit auf die Tische herab und entwenden Brötchen. Auch sie wirken, als erfüllten sie eine Aufgabe.

Der eigentliche Zauber dieser Insel liegt allerdings unter der Wasseroberfläche. Die Tauchgänge bleiben meist in freundlichen Tiefen, die Einstiege sind gelegentlich steinig und glitschig, und dann öffnet sich dieses Wasser, klar, warm, weit, und macht aus wenigen Flossenschlägen einen Seitenwechsel. Kaum ist man drin, verlagert sich die Welt. Korallen, Rifffische, Schwärme, Schildkröten, Rochen und Muränen.

Besonders eindrücklich wurde das im Süden der Insel, bei Red Slave. Oberhalb des Wassers stehen die kleinen Sklavenhütten, gedrungen, farbig, vom Salzlicht umgeben. Mitte des 19. Jahrhunderts schliefen in diesen Hütten versklavte Arbeiter, die in den Salzpfannen arbeiteten. Die Hütten wurden 1850 errichtet und dienten als Schlafstätten für versklavte Arbeiter, die in den Salzpfannen Salz gewannen und verluden; am Wochenende liefen sie stundenlang zurück nach Rincon und wieder hin. Unter der Oberfläche beginnt direkt daneben ein Riff von großer Schönheit: Weichkorallen, Fischschwärme, Schildkröten, ein Licht, das alles heller und zugleich stiller macht. Über Wasser Kolonialgeschichte, unter Wasser vollkommene Gegenwart.

Dort geschah auch einer jener Momente, aus denen später Reisemythen im Kleinformat werden. Ich schaute auf den Kompass, unter mir tauchte eine Schildkröte auf und rempelte mich fast an, und hinter mir hatten Regine und Lena sie längst entdeckt, filmten schon und lachten sich so gründlich kaputt, dass ihnen Wasser in die Masken lief. An einem anderen Spot wiederholte sich die Szene. Wieder ich, wieder der Kompass, wieder eine Schildkröte, wieder das Gelächter hinter mir. Man lernt auf solchen Reisen viel über die Unterwasserwelt und gelegentlich auch etwas über die eigene Rolle darin. Meine bestand offenbar darin, Schildkröten zuverlässig erst im letzten Augenblick zu bemerken.

Auch die berühmten Tauchplätze der Insel fügen sich in dieses Muster aus beiläufiger Präzision und stiller Komik. 1000 Steps etwa heißt so, als wolle man den Rückweg vorsorglich dramatisieren. Tatsächlich sind es deutlich weniger Stufen, aber der Name erzählt viel über das Verhältnis von Körper und Erinnerung. Oben steht man im hellen Gestein und blickt aufs Wasser; unten wartet ein Tauchgang. Später, bei Weber’s Joy, zog plötzlich ein Sardinenschwarm – dunkel wie eine Gewitterfront – über uns hinweg, mittendrin eine Makrele, die wirkte, als habe sie bereits eine Entscheidung getroffen.

Auf der Insel selbst begegnet einem das Tierreich mit ähnlicher Regelmäßigkeit. Immer wieder stehen Flamingos in kleinen oder größeren Gruppen im flachen Wasser oder am Rand der Salzseen. Schon der Flughafen heißt Flamingo Airport, und man beginnt bald zu verstehen, dass das keine dekorative Übertreibung ist, sondern eher eine präzise Ortsbeschreibung. Diese leuchtende, fast unwahrscheinliche Farbe scheint zu Bonaire zu gehören wie das Salz und der Wind.

Passend dazu begegnete uns unter Wasser immer wieder die Flamingozunge. Der Name klingt nach Karneval und sieht auch ein wenig so aus: eine kleine Meeresschnecke, deren Zeichnung in Orange, Weiß und Schwarz wirkt, als sei sie mit großer Entschlossenheit entworfen worden. Ob eine Flamingozunge tatsächlich aussieht wie die Zunge eines Flamingos?

Nachts bekam die Reise dann ihr zweites Gesicht. Sobald die Sonne weg war, erschienen die Tarpons, groß, silbern, selbstbewusst, und nutzten die Lichtkegel unserer Tauchlampen zum Jagen. Man begriff innerhalb weniger Minuten, dass man vor allem als mobiler Dienstleister für Raubfische unterwegs war. Die Tarpons schossen durchs Licht, Muränen standen in ihren Verstecken, und irgendwo im Hintergrund lief unsere private Nebenhandlung dieser Reise weiter: die Suche nach einem Frogfish. Vielleicht braucht jede Gruppe eine gemeinsame Obsession. Unsere hatte Flossen und ausgezeichnete Tarnung.

Die eigentlichen Wunder dieser Nächte aber gehörten den Ostracods. An zwei Abenden sahen wir sie bei Invisibles und bei Oil Slick Leap. Diese winzigen Krebstiere senden im Dunkeln blaue Lichtsignale aus, Teil eines biolumineszenten Balzrituals, das so fein, so präzise und so unwirklich wirkt, als hätte das Meer für kurze Zeit auf Kalligraphie umgestellt. Man schwebt im Wasser und sieht kleine Lichtpunkte aufglimmen, aufsteigen, verlöschen, wieder erscheinen. Es ist ein Schauspiel von vollkommener Schönheit. Tagsüber Schildkröten, nachts ein Liebesleben in Morsezeichen.

Überhaupt lebt Bonaire von dieser wunderbaren Abwesenheit jeder überflüssigen Vorschrift. Natürlich gibt es Abläufe. Aber als Gast spürt man vor allem, wie wenig einem dauernd dazwischenregiert wird. Niemand drängelt. Niemand macht aus einem Kaffee am Morgen eine Frage der Disziplin. Man lässt das Auto stehen, man fährt weiter, man hält an, wo ein gelber Stein liegt, man geht ins Wasser.

Und dann gibt es noch Norbert. Vor Karpata begegnete uns dieser sehr besondere Freund, ein Leguan, der zusammen mit seiner Begleitung offenbar beschloss, den Nachmittag mit uns zu verbringen. Norbert nahm ein wenig von den Tauchsachen in Besitz, saß auf der Flasche, sah uns an, als gehöre das alles ohnehin ihm, und hatte damit vermutlich recht. Er blieb einfach da. Wir wurden geduldet. Auch das ist eine Form von Gastfreundschaft.

Abends saßen wir dann wieder an Land und aßen Kapsalon, jene herrlich überladene Schale, die ungefähr alles enthält, was nach drei Tauchgängen plausibel klingt: Fleisch, Pommes, Salat, Käse und ein bisschen „scharf“. Man sprach über Sichtweiten, über Schildkröten, über Tarpons, über Felix’ Atemregler, der zwischendurch repariert werden musste, über den nächsten Morgen, den nächsten Spot, den nächsten gelben Stein am Straßenrand.

Diese Insel braucht kein Programm. Sie gibt einem Tage, die leicht sind und zugleich erstaunlich viel enthalten: ein gutes Frühstück, ein offenes Meer, ein paar kluge Fische, leuchtende Krebstiere, Esel mit Straßensperren, Flamingos in sämtlichen Rosatönen, einen Leguan namens Norbert und das angenehme Gefühl, dass das Leben für eine Weile genau die richtige Temperatur hat.

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By janreussink / Administrator on Apr. 28, 2026